TLDR: Kriminelle rufen ältere Menschen per Videoanruf an – mit dem Gesicht und der Stimme eines Enkels, die per KI in Echtzeit gefälscht werden. Der Schaden ist enorm. Der beste Schutz ist ein einfaches Codewort in der Familie.
Margrit, 74, sitzt an ihrem Küchentisch, als ihr Handy klingelt. Im Videoanruf sieht sie das Gesicht ihrer Enkelin. Die junge Frau weint. Sie hatte einen Unfall, braucht sofort Geld, niemand darf davon wissen.
Margrit überweist. Erst danach stellt sie fest: Es war nicht ihre Enkelin.
Was nach einem Science-Fiction-Film klingt, passiert heute täglich. In der Schweiz. In Deutschland. In Österreich. Kriminelle nutzen künstliche Intelligenz, um Stimmen und Gesichter von Angehörigen nachzubauen – in Echtzeit, während des Anrufs. Das Programm kopiert den Klang einer Stimme aus ein paar Sekunden eines alten Instagram-Videos. Das Gesicht wird live über das Gesicht des Täters gelegt, lippensynchron, in Bewegung.
Wer unter Schock steht, merkt den Unterschied nicht.
Die Zahlen hinter dem KI Betrug sind nüchtern
In der Schweiz verlieren ältere Menschen jährlich rund 675 Millionen Franken durch Betrug und finanziellen Missbrauch. Vor fünf Jahren waren es noch 400 Millionen. In den USA verloren Menschen über 60 im vergangenen Jahr umgerechnet mehr als sieben Milliarden Dollar durch Internetkriminalität – fast doppelt so viel wie im Vorjahr.
Und das ist nur, was bekannt wird. Die meisten Betroffenen erstatten keine Anzeige. Aus Scham. Oder aus Angst, dass Angehörige danach entscheiden, dass sie nicht mehr selbst über ihr Geld bestimmen dürfen. Weniger als drei von hundert Betroffenen gehen zur Polizei.
Warum ältere Menschen besonders im KI Visier stehen
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass ältere Menschen naiver wären. Der Grund ist ein anderer: Sie haben ihr Leben lang gelernt, dass eine vertraute Stimme am Telefon bedeutet, dass derjenige auch wirklich dran ist. Das war jahrzehntelang richtig. Heute ist es eine Schwachstelle, die Kriminelle gezielt ausnutzen.
Dazu kommt, dass ältere Menschen im Durchschnitt mehr gespart haben. Wer ein Haus besitzt und Jahrzehnte lang gearbeitet hat, ist ein lohnenderes Ziel als jemand mit leerem Konto.
Was wirklich schützt vor KI Betrug
Es gibt eine Massnahme, die nichts kostet und sofort funktioniert: ein Codewort in der Familie.
Man einigt sich auf ein geheimes Wort, das kein Aussenstehender kennt. Wenn jemand anruft und in einer Notsituation Geld verlangt, fragt man nach dem Wort. Wer es nicht nennen kann, ist kein Angehöriger. Das Gespräch wird beendet.
Einfach. Kostenlos. Wirksam – weil kein Computerprogramm der Welt dieses Wort kennt.
Weitere Regeln, die helfen: Sofort auflegen, wenn sich etwas seltsam anfühlt. Danach die bekannte Nummer des Angehörigen wählen – nie die Nummer vom Anrufer. Und jede Forderung nach Geheimhaltung als Warnsignal behandeln. Kein Enkind auf der Welt verlangt, dass die Grossmutter niemandem etwas sagt.
Was die Gesellschaft schuldet
Wer glaubt, dass digitale Aufklärung das Problem allein löst, irrt. Ein erheblicher Teil der über 85-Jährigen nutzt kein Smartphone und kein Internet. Das ist keine Schwäche. Es ist eine Entscheidung, die respektiert werden muss.
Wenn Banken ihre Schalter schliessen, wenn Behörden nur noch online erreichbar sind, wenn Bargeld verschwindet – dann werden genau diese Menschen schutzlos. Nicht durch böse Absicht, sondern durch Gleichgültigkeit.
Das Festnetztelefon, der Bankschalter, die Möglichkeit zur Bareinzahlung: Das sind keine Relikte aus der Vergangenheit. Das sind Schutzräume für Menschen, die das digitale System nie gebraucht haben und es auch künftig nicht brauchen wollen.